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Tabu Depressionen

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Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Beitrag schreiben sollte oder nicht. Als ich kürzlich bei Edition F ein Interview mit Diana Doko, der Gründerin des Vereins Freunde fürs Leben las, war ich überzeugt, den Schritt zu wagen. Mit diesem Artikel möchte ich kein Mitleid, sondern lediglich meine Sicht der Dinge als Betroffene vermitteln. In der Vergangenheit habe ich immer wieder mal Gedichte geschrieben. Hier ist ein recht neues:

allein

wenn ich könnte, würde ich schrein
doch es macht keinen sinn
denn ich bin allein

ängste machen mich klein
isolieren mich
halten mich allein

mein kopf fährt karussell
viel zu laut und viel zu schnell
hält niemals ein
denn ich bin nicht ganz allein

du bist immer da

darf nicht glücklich sein
nur traurig und allein

aber es gibt da menschen,
du wirst es nicht glauben,
die möchten bei mir sein

Ich leide seit 11 Jahren an Depressionen. Wahrscheinlich fing es bereits in der Pubertät an, aber die Diagnose habe ich seit 2005. Geäußert hat es sich durch einen Hilfeschrei des Körpers, denn leider schenkt man seiner Seele nicht so viel Ausfmerksamkeit. Zu sehr ins Detail werde ich hier nicht gehen, denn die Ursachen sind einerseits zu privat und teilweise auch zu schmerzvoll für mich und ggf. für euch. Ich nehme auch heute noch ein Antidepressivum, wenn auch nur in geringer Dosis. Bisher hatte ich einen stationären Aufenthalt und zwei Verhaltenstherapien. Auch wenn ich nicht weiß, ob ich jemals ganz gesund werde, so habe ich viele Dinge über mich und die Krankheit gelernt. Diese möchte ich euch jetzt nur häppchenweise präsentieren und euch damit Mut machen, zum Denken anregen oder eure Einstellungen bestätigen bzw. ändern.

  1. Es ist eine Krankheit! Glaubt mir, ich zweifle oft, ob ich nicht nur zu sensibel bin oder besonders dramatisch, aber NEIN ich bin krank. Dies zu schreiben, fällt mir unglaublich schwer, nicht nur wegen des gesellschaftlichen Stigmatas, sondern auch meines eigenen Perfektionismuses wegen.
  2. Sätze wie „Jeder von uns ist mal traurig“ und „Nun hab dich doch nicht so, es kommen auch wieder bessere Zeiten“ sind das Schlimmste, was ihr einem Depressiven sagen könnt. Eigentlich könntet ihr ihm dann gleich eine Ohrfeige verpassen. Es ist nicht seine Schuld, er reagiert nicht über und es ist auch nicht nur eine kurze Verstimmtheit, wie sie gewiss wirklich jeder kennt.
  3. Wie wahrscheinlich viele Depressive verstecke ich mich. Ich wirke heute oft sehr lustig, selbstbewusst und direkt. Die Leute wundern sich dann, wenn sie hören, dass ich an Depressionen leide und denken vielleicht auch, ich will nur Aufmerksamkeit.
  4. Ich schäme mich dafür…weil ich nicht normal funktioniere, weil ich sehr viel Traurigkeit in mir habe, weil ich manchmal einfach nicht mehr kann.
  5. Punkt 4 ist falsch, das weiss ich. Aber leider ist es noch nicht so, dass man einfach hingehen kann und sagen, du ich habe Depressionen und der Gegenüber dann mit Verständnis reagiert.
  6. Ich will nicht verlangen, dass jeder weiß, wie ich mich fühle. Ich möchte nur, dass mir geglaubt wird. Leider ist dem nicht immer so!
  7. Zum Thema Psychopharmaka möchte ich auch noch etwas sagen. Viele schütteln schnippisch den Kopf, wenn sie davon erfahren. Denn sie meinen, gesunde Ernährung, Sport, Sonne etc. wären doch viel besser, als Chemie. Sicherlich. Aber wer eine akute depressive Phase hat, der geht nicht in die Sonne, der macht keinen Sport. Vielleicht isst er auch gar nichts, weil er eben nur im Bett liegen kann. Ich bin der Meinung, dass es besser ist, sich Hilfe zu holen, auch medikamentös, als seinem Leiden anders ein Ende zu setzen.
  8. Holt euch Hilfe! Auch wenn es schwer fällt, aber versucht wenigstens mit einem Menschen, der euch liebt, in Kontakt zu treten. Fragt, ob er euch zu einer psychiatrischen Ambulanz begleitet oder in eine Krisenstation.
  9. Im Notfall ruft bitte immer die 112!
  10. Ich habe heute sehr gute Phasen, in denen ich gar nicht bemerke, dass ich krank bin. Ich liebe und lebe und empfinde Freude. Allein für diese Momente lohnt es sich, zu kämpfen! Es geht nicht darum, euch nichts wegen trauernder Familienangehöriger anzutun, sondern EURETWEGEN! Denn wenn Schluss ist, dann ist Schluss.
  11. Auch wenn ich mich oft allein und unverstanden fühle, so sehe ich, dass da Menschen sind, die mich trotz allem lieben. Daher versuche auch ich, mich zu lieben. Wenn ihr einem depressiven Menschen helfen wollt, dann liebt ihn und seid für ihn da, auch wenn er euch wegstößt.

 


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17 Comments

  • Reply
    Melanie
    22. September 2016 at 19:53

    Du hattest es ja irgendwann einmal angedeutet, deshalb wusste ich es schon. Es tut mir sehr leid, und ich hoffe, dass du eines Tages wieder gesund wirst. Aber was ich dir unbedingt sagen will: Ich kenne dich natürlich nur so gut, wie man jemanden kennen kann, dessen Accounts man folgt, und wir haben uns bisher auch nur zwei mal kurz getroffen. Aber soweit ich das anhand dessen beurteilen kann, bist du ein toller Mensch, und ich finde dich sehr sympatisch. Ich hoffe, dass wir uns noch öfter sehen, denn es hat mir sehr gut mit dir und Sarit bei BP gefallen 🙂

    Liebe Grüße!
    Melanie

    • Reply
      Sala
      23. September 2016 at 10:10

      Danke liebe Mel, dass du etwas hinter die Fassade geschaut hast 🙂 würde mich auch freuen, dich demnächst mal wieder zu sehen!

  • Reply
    Anne
    22. September 2016 at 23:08

    Ich finde es sehr mutig und toll, dass du dich „outest“. Gerade in der Welt der Beauty Blogs ist nach Außen immer alles so rosarot und perfekt, da finde ich es wichtig auch mal unbequeme Themen anzusprechen.
    Deinen Beitrag finde ich sehr gut geschrieben und ich hoffe, dass er von vielen Menschen gelesen wird. Beruflich bedingt hatte ich mit vielen Menschen Kontakt, die an Depressionen erkrankt sind und ich kann deine Punkte nur unterschreiben – der Kampf um die guten Tage lohnt sich und es kämpft sich leichter, wenn man sich Hilfe holt. Wie auch immer die aussehen mag.
    Für deinen Weg wünsche ich dir viel Kraft, verständnisvolle Menschen, die dir gut tun und dass die sonnigen Tage überwiegen <3

    • Reply
      Sala
      23. September 2016 at 10:09

      Ja, wenn man so manche Instagramaccounts runterscrollt, denkt man deren Leben ist perfekt. Ist es natürlich meistens nicht, aber trotzdem ist es auf Dauer erdrückend, weil man denkt, irgendwas mach ich wohl falsch.
      Danke für deine Bestärkungen und ja, für die guten Tage lohnt es sich sowas von :*

  • Reply
    Andrea
    23. September 2016 at 7:07

    Ich finde es sehr ehrlich von Dir, offen mit dem Thema umzugehen. Mich hat Dein Text sehr berührt, zum einen weil es mir für Dich sehr leid tut und zum anderen, weil ich im engsten Freundeskreis auch eine Person habe, die seit Jahren an Depressionen leidet und auch ein Medikament dagegen einnimmt, was ihr sehr gut hilft. Auch für sie ist das Medikament, was ihre Psyche recht gut in Balance hält, sinnvoll, denn sie muss ihren oft anstrengenden Berufsalltag plus ihre Aufgabe als alleinerziehende Mutter auch meistern. Ich habe sie im Laufe der Jahre in wirklich erbärmlichen Zuständen erlebt, anders kann ich es leider nicht formulieren, aber auch in sehr stabilen Phasen und die halten seit ihrer Therapie an.

    Ganz allgemein finde ich es schwierig, als nicht betroffene Person mit dem Thema angemessen umzugehen. Denn ich weiß, dass Mitgefühl (ich meine nicht Mitleid) zwar angebracht ist, die Akzeptanz und der ganz natürliche Umgang am allerbesten ist. Nur, für mich sind auch nicht immer alle Tage gleich und manchmal gelingt es mir nicht, angemessen zu reagieren.

    Ich glaube, so wie Du mit Dir selbst umgehst und alles, was Du zum Thema festgestellt hast, ist sehr, sehr zutreffend. Ich wünsche Dir alles Liebe und Gute, Deine Erkrankung auch weiterhin gut zu managen. Liebe Grüße

    • Reply
      Sala
      23. September 2016 at 9:59

      Danke für deine Worte!
      Natürlich hast auch du das Recht, wenn es dir mal schlecht geht, „nicht so gut zu reagieren“. Aber dass du in all den Jahren die Freundschaft aufrecht gehalten hast, zeigt, dass sie dir wichtig ist und das spürt sie auch. Das gibt Kraft!

  • Reply
    Andrea
    23. September 2016 at 14:55

    Sehr gerne 🙂 Ja, meine Freundin kann mit meiner Meinung mittlerweile auch sehr gut umgehen, aber sie musste das auch erst lernen, dass jemand von außen womöglich nicht ganz klar kommt, und auch ihr Verhalten teils fehlinterpretierte, einfach, weil sie sich nicht so mitteilte. Schönes Wochenende!

  • Reply
    Marina
    23. September 2016 at 17:12

    Ich gebe zu, dass ich früher auch so gedacht habe und Depressionen fast für eine Modekrankheit gehalten habe und auch dachte „die müssen sich einfach nur zusammenreissen“ oder „die will doch nur Aufmerksamkeit“, bis es mich dann selbst getroffen hat.
    Nach dem Tod eines lieben Menschen bin ich eine Zeit lang in ein richtiges Loch gerutscht und war körperlich und seelisch einfach nur fertig, ständig müde, null Appetit und eigentlich war mir wurscht, ob ich am nächsten Tag aufwache oder nicht. Meine Stimmung schwankte zwischen todtraurig und Zombie. Natürlich war das nur eine „depressive Phase“ ist nicht vergleichbar mit deiner Geschichte, die fast dein ganzes Leben andauert und dich sogar schon in eine stationäre Therapie gebracht hat, aber ich hab eine kleine, winzige Ahnung, wie es sich anfühlt, von seiner Trauer und Depression gelähmt zu werden und schäme mich heut, dass ich früher so ignorant war.
    Ich finde deinen Post super und sehr mutig und hoffe, dass es vielleicht noch andere inspiriert, offener mit ihrer Krankheit umzugehen, *doller Drücker*

    • Reply
      Sala
      25. September 2016 at 13:04

      Es ist menschlich und ich mag dich trotzdem *g. Nein mal im Ernst, ich hätte dir gewünscht, dass du auch ohne diese schmerzliche Erfahrung zu der Erkenntnis gekommen wärst. Was du beschreibst, klingt schon sehr nach einer depressiven Phase. Gut, dass du sie überstanden hast!!

  • Reply
    Shikujo
    25. September 2016 at 10:48

    Danke für deine offenen Worte zu diesem Thema welches man schon noch als NoGo bezeichnen kann, zumindest für die breite Masse.
    In unserem Bekanntenkreis ist auch ein Betroffener. Für uns ist das schon teilweise schwierig, da man nie so weiß wie kann man demjenigen irgendwie Helfen.
    Tabletten und Therapie sind auch schon durch, jedoch ist die Sicht glaube ich nicht so klar. Da kommen so Sätze wie ich habe Depressionen usw. jedoch lässt er sich davon so runter ziehen das sein Leben total aus den Bahnen läuft. Klar für mich ist es wohl einfach so zu reden, allerdings ist es auch verdammt schwer einen Menschen dabei zuzusehen wie er sich selbst runterwirtschaftet.
    Man kommt sich so unendlich hilflos vor obwohl man gerne helfen würde…..

    Danke dir nochmals *drück*

    • Reply
      Sala
      25. September 2016 at 12:56

      Bei mir war es auch nicht immer so „klar“. Das Problem ist, wenn du tief drin steckst, dann kannst du nicht anders. Stell dir vor, jemand hätte dir sämtliche Kraft und Lebensenergie ausgesogen. Selbst wenn dir das bewusst ist, kannst du dir nicht sagen, ich überwinde das jetzt. Das ist ja das Gemeine an der Krankheit und auch das, was für Außenstehende am Schwierigsten zu verstehen ist. Nimmt er noch Medikamente? Es dauert bis die gut eingestellt sind. Meine erste Therapie war auch nicht besonders. Die zweite dafür hat mich enorm weitergebracht. Man muss leider Glück haben, einen guten Therapeuten zu finden, denn es gibt auch viele Spinner! Ansonsten könnte er auch mal eine Tagesklinik versuchen.

      • Reply
        Shikujo
        25. September 2016 at 14:14

        Ob und wie regelmäßig er Medis nimmt weiß ich nicht. Leider spielt noch der Alkohol eine große Rolle bei ihm. Er war deswegen auch schon auf Entzug, der wurde aber schnell abgebrochen….

  • Reply
    Svenja
    28. September 2016 at 22:07

    Liebe Sala,
    ich könnte jetzt wahrscheinlich ellenlange Texte zu jedem deiner Punkte schreiben, weil ich so sehr nachempfinden kann, wovon du sprichst. Aber ich will mich (heute) nur auf eines beziehen: Du sagst, dass du dich schämst weil du „nicht normal funktionierst“ und „nicht mehr kannst“. Aber wer definiert denn „normal“ und wer sagt uns denn, dass nicht auch depressiv Episoden völlig normal sein können? Nur weil nicht jeder damit lebt, heißt das nicht, dass es nicht vorkommt und nicht ein Stück weit in die menschliche Natur gehört. Wir sind auch nicht alle blond und dennoch ist es normal und gehört dazu. Ich meine, diese Krankheit kommt aus dir, aus jedem Betroffenen und daher ist sie ein Stück weit auch „natürlich“ und normal, wenn du verstehst.
    Und ja, es ist gelinde gesagt beschissen so traurig zu sein, mit Situationen anders umzugehen als andere. Es tut verdammt weh das zu sehen, zu spüren, hilflos zu erleben. Zu fallen und nicht alleine aufstehen zu können. Und dann ist es auch normal, dass man für den Bruchteil einer Sekunde nicht mehr kann, dass man kurz davor ist aufzugeben. Es gehört viel Mut und Kraft dazu, in dieser Situation wieder auf die Füße zu kommen. Jepp, ich finde es mutig sich jedem Tag aufs neue zu stellen, wissend das man Dinge vielleicht schwerer erträgt als andere. Wissend, dass man vielleicht wieder an seine Grenzen stößt…. sich dem allen entgegen zu stellen ist mutig. Und so sehe ich dich – ein Löwenherz!

    • Reply
      sala83
      2. Oktober 2016 at 16:14

      Lieben Dank für deine kraftgebenden Worte!! Es wäre schön, wenn mehr Menschen so denken würden, wie du. :*

  • Reply
    shalely
    7. Oktober 2016 at 1:00

    Ich finde es klasse, dass du so mutig warst und hier über deine Probleme schreibst. Selber habe seit Jahren mit einer Angst/Panikstörung zu kämpfen und kenne die ganzen schönen Aussagen auch. Stell dich nicht so an, reiß dich doch einfach etwas zusammen usw., leider sogar aus der eigenen Familie. Antidepressiva nehme ich auch, auch wenn ich lange mit mir gekämpft habe. Und ich bin froh darüber, es hat mir unheimlich geholfen. Ab einem gewissen Zeitpunkt helfen gesunde Ernährung und Sport nicht mehr.
    Seit einiger Zeit geht es mir recht gut. Aber die Angst vor der Angst bleibt leider ein ständiger Begleiter, wenn auch nur irgendwo ganz weit im Hinterkopf.

    Ganz liebe Grüße und stark bleiben

    • Reply
      sala83
      9. Oktober 2016 at 16:44

      Angst kann ganz schön gemein sein! Aber wir sind stark, weil wir uns helfen lassen!! :*

  • Reply
    Moppis Blog - Aus Freude.
    19. März 2017 at 11:09

    Ein sehr ehrlicher Beitrag, da gehört viel Mut dazu. Ich selber leide auch an einer Angststörung (mit Panikattacken), seit über 20 Jahren, aber in den letzten Jahren geht es mir sehr gut, ich kann damit wirklich gut umgehen und es beeinflusst mein Leben nicht mehr so doll wie früher. Ich nehme auch Medikamente in geringer Dosis und sag mir immer, wenn das Bein gebrochen ist, kriegt man doch einen Gips, ist doch fast das gleiche. 😉

    Leider ist das immer so, was man nicht sieht und nicht unbedingt nachempfinden kann, wird von der Umwelt nicht anerkannt und im schlimmsten Fall nicht ernst genommen. Komm ich mit einem Krückstock an, sagen alle „Oh die arme Frau.“, aber sage ich, ich habe grade Panik, wird man nur doof angeschaut.

    Ich wünsche Dir von ganzem Herzen, dass es Dir ganz oft gut geht.

    Liebe Grüße,
    Moppi

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